Donnerstag, 25. juni 2009
Simna spazierte lange Zeit durch die Gärten, oder verbrachte ihre Zeit hoch oben auf den Zinnen der Türme um über das grüne Land zu blicken. Syrion war sehr ernst gewesen als er Simna Anweisungen zur Meditation und Entspannung gegeben hatte. Und Simna war zu neugierig um die ganze Angelegenheit durch ihre Ungeduld und Aufmüpfigkeit gefährden zu wollen. Langsam begriff sie wie wichtig Disziplin und Geduld beim Erfolg einer Sache waren. Sie dachte an Jerus Worte, der nie müde wurde sie zu ermahnen an gewissen Eigenschaften zu arbeiten. Zum Beispiel Umwege in kauf zu nehmen, abzuwarten sich zu beherrschen. Simna bevorzugte bisher stets den direkten Weg. Aber das musste sich ändern.
Dennoch fiel es ihr schwer den Meditationsübungen zu folgen.
„Beschreibe mir die Farbe Rot“, hatte Syrion gesagt „Wie fühlt sich blau an? Wie laut ist die Stille?“ mit solchen Fragen sollte sich Simna beschäftigen.
Eine Hilfe waren die Gespräche mit Atriu de Nuwia und anderen Exilanten über deren Ansichten und Ideen sie nachdenken konnte.
Indes nahm die Hitze zu. Der Sommer auf Umaru erreichte seinen Höhepunkt und die Vegetation dräute unter den unbarmherzigen Strahlen der Sonne. Simna liebte die Hitze und irgendwie fiel es ihr dabei leichter nachzusinnen und in einen tranceartigen Zustand zu gelangen.
Während der Tag verging sass sie hoch oben auf der Turmspitze, tief ins Nachsinnen versunken, bis die Sterne heraufzogen. Es war spät in der Nacht, als sie hochschreckte. Ein Wachsoldat hatte sie gefunden und beugte sich gerade tief zu Boden.
„Verzeiht!“, sagte er unterwürfig „Wir waren in Sorge. Wir haben euch überall gesucht.“
Simna lächelte „Mir geht es gut. Wer macht sich denn Sorgen um Mich? Graf Adema? Seine Kinder? Syrion?“
„Wir alle Herrin?“ antwortete der Soldat.
„Sorge um mich?“ fragte Simna weiter „Oder um euch, weil mein Vater....“ sie hielt inne. Ihre Überlegungen führten sie   in die Irre und es war nicht richtig dem besorgten Mann eigennützige Bewegründe zu unterstellen. Und selbst wenn dem so sein sollte, Simna wollte das beiseite schieben.
Sie berührte den Soldaten sachte an der Schulter. Er zuckte kurz zusammen.
„Herrin“, flüsterte er „Verzeiht, aber wir gehören alle zusammen. Wie in einem Heer kann niemand für sich alleine stehen.“
Simna nickte. „Du hast recht“, sagte Sie „Niemand sollte alleine stehen. Niemand.“

„Was weißt du über die Guthriks?“ wollte Syrion von Simna wissen.
Simna runzelte die Stirn. „Was soll man über die schon wissen?“ meinte sie überheblich „Sie kämpfen und sterben. Sie tun ihre Pflicht. Sie sind Geschöpfe meines Vaters. Er kann mit ihnen tun was er will.“
Syrion schien mit dieser Antwort keinesfalls zufrieden. Er liess Simna Zeit über ihre Worte nachzudenken, wendete sich dem Fenster zu und beobachtete wie der Regen gegen das Fenster tropfte. Der Wind schüttelte die Bäume im Garten und der Himmel hatte sich vollständig bedeckt. Seit einigen Tagen regnete es jeden Tag für ein paar Stunden, nur damit danach die Sonne umso heisser vom Himmel brennen konnte. Die Luft war danach klebrig und feucht. Jetzt heulte der Wind und schüttelte die Palmen vor dem Fenster als wolle er sie aus dem Boden reissen.
„Ich habe kein Interesse an den Guthriks“, meckerte Simna „Sie sind unfreundlich und dumm.“
Syrion drehte sich zu Simna um „Du sagtest, sie seien Geschöpfe deines Vaters“, wiederholte Syrion Simnas Worte „Aber das ist nicht ganz die Wahrheit.“
Das Mädchen hatte eigentlich keine Lust sich über das Thema zu unterhalten, aber irgendwie war ihre Neugier geweckt.
„Die Guthriks hatten früher einen anderen Namen“, erklärte Syrion „Sie waren eine stolze Rasse, primitiv zwar, aber durchaus nicht uninteressant. Dein Vater hatte viel Mühe mit ihnen, bis er sie schließlich unterwarf. Er vernichtete sie, behielt jedoch ein Exemplar zurück, das er für genetische Experimente verwendete. Aus ihm sind alle anderen Guthriks geschaffen. Aber nicht nur dein Vater schuf Guthriks die ihm dienen sollten.“
Simna war nun voll bei der Sache.
„Jeder kann einen Guthrik erschaffen“, sagte Syrion „indem er die Grundsubstanz benutzt. Viele Eigenschaften des Lebewesens, dass auf diese Art kopiert wird übertragen sich auf den neu erschaffenen Guthrik. Und...“
„Und?“ bohrte Simna nach.
„Wir werden sehen.“

Auch Graf Adema besaß auf Mooray eine Anlage zur Erschaffung von Guthriks. Allerdings war sie niemals in Gebrauch genommen worden. Auf Umaru gab es keine derartige Anlage und so mussten Simna und ihr Lehrer nach Mooray reisen.
Der Palast des Hauses Adema war verlassen, bis auf eine kleine Truppe von Hauspersonal die sich um die Instandhaltung der wichtigsten Gebäudekomplexe und die Gärten kümmerte. Der Oberste dieser kleinen Gruppe war ein Oponi namens Yourik Talassa. Er war wie alle Oponi ein gutes Stück grösser als ein erwachsener Mensch, hatte dunkles, schulterlanges Haar und war in eine schmucke, tadellose Uniform gekleidet.
Er begrüsste Simna und ihren Lehrer auf der Landeplattform auf dem Dach des Palastes. Als Simna aus dem Schiff trat, verneigte er sich tief und ging auf die Knie.
„Verzeiht“, sagte er eilig „Wir wussten nicht das ihr es seid. Der Pilot sendete ein Kuriersignal. Hätte ich geahnt wer ihr seid, hätte ich besondere Vorbereitungen getroffen.“
„Schon gut“, entgegnete Syrion „Wir wollen kein Aufsehen.“
„Wie kann ich euch dienen?“
„Als erstes solltest du aufstehen“, meinte Simna gereizt „Du widmest dem Staub auf dem Boden mehr Aufmerksamkeit als mir. Ausserdem kann ich so dein Genuschel nicht verstehen.“
Der Oponi erhob sich, wagte es aber nicht Simna anzusehen.
„Das Kraftwerk muss auf volle Leistung gehen“, erklärte Syrion „Alle Energie in die Kellergewölbe des Palastes.“
„In die geheimen Sektionen?“ vergewisserte sich Yourik.
„Ganz richtig.“
„Die wurden noch nie in Betrieb genommen“, wendete der Oponi ein „Wir wissen nicht ob sie funktionieren.“
„Dann verlieren sie keine Zeit“, sagte Syrion „Wie lange wird es dauern?“
„Ich kann das nicht sagen“, er hob entschuldigend die Schultern „Einen Tag, zwei. Möglicherweise wird sie überhaupt nicht funktionieren.“
Syrion runzelte die Stirn.
„Graf Adema legte keinen Wert auf dieses Anlage“, erklärte Yourik Talassa „Er hat sie niemals ausprobiert, spielte sogar mit dem Gedanken sie abzubauen, hat dann aber lediglich die Zugänge zuschütten und versiegeln lassen.“
Syrion seufzte „Dann öffnen sie die Stollen wieder. Wir brauchen ja nur einen.“
Yourik nickte „Wir machen uns gleich an die Arbeit. Es müssen bestimmt etliche Teile der Maschinen ausgetauscht werden, da bin ich mir sicher.“
„Wir werden sehen.“
Simna hatte aufmerksam zugehört und die ganze Angelegenheit wurde immer mysteriöser und spannender. Warum hatte ihr Ziehvater zu dieser Maßnahme gegriffen? Hatte er Angst? Nein, Jeru hatte keine Angst, überlegte Simna. Es musste etwas anderes sein. Abscheu, Ekel? Was konnte es nur sein, dass ihn davon abhielt die Anlage zu gebrauchen.

Es dauerte drei volle Tage, bis einer der Zugänge geöffnet war. Jeru hatte es zwar nicht fertig gebracht die Anlage zu zerstören, aber er hatte wirklich Wert darauf gelegt sie unzugänglich zu machen. Simna konnte sich keinen Reim darauf machen und auch Syrion schien dieser Umstand zunächst rätselhaft.
Als sie das Gewölbe betraten empfing sie absolute Dunkelheit. Syrions ging voraus, stolperte über einige Gesteinsbrocken, bis er ebenen Boden unter den Füssen spürte. Seine Taschenlampe vermochte nur einige Meter weit in die Schwärze vorzudringen. Allmählich jedoch begann sich die Umgebung aufzuhellen. Syrion schien das erwartet zu haben, steckte die Lampe in eine Tasche seines Mantels und half Simna über den Schutt zu steigen. Die Luft war kühl und roch nach feuchtem Stein, alles war von dickem Staub bedeckt. Die Geräusche von Simnas Schritten hallten von den Wänden wieder.
Erstaunt beobachtete das Mädchen, wie sich nach und nach Einzelheiten aus dem Dunkel schälten. Grosse kupferfarbene Behälter wurden sichtbar, die wie Flaschen aussahen, die man auf die Hälse gestellt hatte. Eine Reihe von Hebeln ragte davor aus dem Boden, reich verziert. Syrion ging zielstrebig auf einen der Behälter zu, blickte durch ein Bullauge in das Innere, lächelte und richtete sich an Yourik, der mit Simna hinterher gekommen war.
„Ist die Anlage mit Energie versorgt?“ wollte Syrion wissen.
„Ja.“ antwortete der Oponi gehorsam.
Syrion blickte Simna an. Er musterte sie lange, so lange bis es ihr unangenehm wurde.
„Ihr habt euch an meine Anweisungen gehalten?“ fragte er das Kind.
Simna nickte eifrig.
„Alle Meditationsübungen?“
„Alle.“ sagte Simna „Auch die Unmöglichen.“
Syrion war zufrieden, nahm Simna an der Schulter und führte sie zu zwei Hebeln. Noch bevor sie sie berühren konnte hatte Yourik ein Taschentuch hervorgeholt und begann die Griffe daran zu säubern. Dann schloss Simna ihre Finger um das kalte Metall. Irgendwie schien es auf ihre Berührung zu reagieren.
„Ist das Aure?“ wunderte sie sich.
„Natürlich.“ antwortete Syrion, stellte sich hinter sie und umfasste ihre Hände. Langsam zog er die Hebel zu sich, dann trat er schnell zurück. Ein Zittern durchlief den Boden, die metallenen Behälter begannen zu rumpeln und der Inhalt darin zu kochen. Dampf strömte zischend aus unzähligen Ventilen.
Simna fühlte wie sich ein Teil ihres Bewusstseins von ihr abspaltete und sich von ihr löste. Molekül für Molekül, Atom für Atom wurde sie abgetastet und kopiert. Es war beängstigend und wunderbar zugleich. Entsetzlich und faszinierend.

Als Simna ihre Augen öffnete war Syrion bei ihr. Und auch Yourik stand bei ihnen. Simna kauerte auf allen Vieren auf dem Boden. Syrion hielt sie mit einem Arm an den Schultern umfasst. Die andere Hand unter ihrem Kinn, richtete er ihr Gesicht auf eine Kreatur, die einen Steinwurf weit auf dem Boden hockte. Für einen Moment überlagerten sich einige Bilder in Simnas Augen, sie sah durch ihre Augen und durch die des Guthrik ihr gegenüber. Simnas Gedanken waren waren verwirrt.
„Lass ihn gehen.“ flüsterte Syrion „Lass ihn frei.“
Das Mädchen verstand zuerst nicht was der Alte meinte, aber dann ging ihr ein Licht auf. Sie entspannte sich, konzentrierte sich auf ein Wort, einen Gedanken, eine Farbe, einen Ton, oder ein Gefühl. Instinktiv führte sie die Meditationsübungen aus, die sie mit Syrion trainiert hatte. Daraufhin gewann sie  ihren klaren Verstand zurück und ihr Sichtfeld klärte sich.
Der Guthrik richtete sich auf und starrte Simna aus verborgenen Augen an. Er hatte eine silbergraue Haut und war einen Kopf grösser als Syrion, seine Bewegungen geschmeidig und kraftvoll. Ohne Zweifel hätte er sie im Handumdrehen alle töten können. Aber er beobachtete seine Umgebung nur, als sei er gerade erst aus einem langen Schlaf erwacht; ohne Orientierung und sich seiner selbst noch nicht voll bewusst.
Simna erhob sich und ging mit unsicheren Schritten auf das seltsame Geschöpf zu, das regungslos verharrte, als wäre es zu Stein geworden. Plötzlich jedoch schnellte es vor, packte Simna an den Oberarmen und riss sie von den Füssen.
Yourik sprang auf des Wesen zu, er hatte keine Waffe. Syrion war vor Schreck wie paralysiert und keiner Bewegung fähig, da hallte helles Kichern durch das Gewölbe.
Verwirrt und erstaunt zugleich erstarrte Yourik in der Bewegung. Syrion löste sich aus seiner Lähmung und atmete erleichtert auf.
Der Guthrik schüttelte Simna, warf sie hoch und fing sie auf, wie einen Spielball. Ihr langes, blondes Haar flog umher wie eine goldene Fahne. Das ausgelassene Lachen des Mädchens war wie Sonnenschein in den Finsteren Tiefen und in Syrions Mundwinkel stahl sich ein Schmunzeln, ob der bizarren Szene.
„Setz mich ab.“ befahl das Mädchen schroff und der Guthrik stellte sie sanft auf den Boden. Simna fuhr lachend herum, während das Wesen hinter ihr aufragte wie ein grotesker Schutzengel. „Ich habe ihm befohlen mich herum zu schleudern, wie eine Puppe“, grinste Simna ihren Lehrer an „Ohne ein einziges Wort, und er hat es getan. Er kann meine Gedanken lesen.“
Syrion nickte, aber sein Gesicht blieb ernst. Er hätte Simna gerne gesagt dass ihre Überlegung nicht ganz korrekt waren, aber er unterliess es das Mädchen zu belehren. Trotz allem steckte ihm die Angst in den Gliedern und seine Nerven waren angespannter als er sich eingestehen wollte.
„Ich nenne ihn Soil.“ verkündete Simna stolz.
Yourik, dem nun klar wurde warum Graf Jeru Shavar Adema diesen Kellerkomplex des Palastes hatte versiegeln lassen, betrachtete die Szene mit Argwohn. Er zitterte am ganzen Leib und ihm war übel. Die grossen grossen, grünen Augen des Oponi richteten sich auf Simnas Lehrer, der ebenfalls nachdenklich dreinblickte und sich augenscheinlich in seiner Haut nicht wohl fühlte. In der Dunkelheit glomm sein erbleichtes Gesicht wie der blasse Vollmond von Mooray.
„Ich will wieder ans Tageslicht“, sagte Simna und ging mit stolz erhobenem Kinn zum Ausgang zurück „Ich will Soil die Sonne zeigen.“
von David A. Summerwine - veröffentlicht in: Fantasy Science Fiction - Community: Fantasy
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